April 2017

 „Es war Spätnachmittag, und es war ein Wind aufgekommen, der leise über die Haare streicht und auf dem Gesicht eine Ahnung von Kühle hinterlässt.“

So fängt die Geschichte von der Steinpalme an. Das ist die Geschichte von einem Mann, der eine kleine Palme töten will.

„Der Mann kam durch die Wüste. Er war tagelang umhergeirrt, hatte sein Hab und Gut verloren und war vor Durst und Hitze fast um den Verstand gekommen. Seine Hände brannten wund vom vergeblichen Graben nach Wasser, und alles an ihm war grenzenloser Schmerz.“ Als er den Palmenschößling im hellen Hoffnungsgrün zwischen Geröll und Sand stehen sieht, hält er es nicht mehr aus. „Warum lebst du?“ schrie der Mann die junge Palme an. „Warum findest Du Nahrung und Wasser, und ich verdurste hier? Warum bist Du jung und schön? Warum hast Du alles und ich nichts? Du sollst nicht leben!“ Und mit aller noch vorhandenen Kraft presste er den Stein mitten in das Kronenherz des jungen Baumes. Nach dem Klang von knirschenden Ästen und splitterndem Holz tönte die Stille laut in die Unendlichkeit der Wüste und hallte noch lange nach…

An einem windigen „Spätnachmittag,…der eine Ahnung von Kühle hinterlässt“, dachte ich beim Anblick des großen Steines in der Baumkrone dieser Platane (?) auf dem Bild an die Geschichte des Mannes, der aus der Wüste kommt und die junge Palme brechen und töten will, indem er ihr einen Stein in die Krone legt.

Auch in diesem Park in Kassel wächst ein Baum mit einem Stein in der Krone. Ich kenne seine Geschichte nicht, und ich weiß nicht, wie der Stein in seine Krone kam. Aber ich sehe: Der Baum wächst mit seiner Last weiter in den Himmel. Er kann die Last nicht abwerfen. Sie ist zu schwer. Aber er kann seine Wurzeln tief in den Boden graben, um Halt zu finden. Sein Stamm wird breiter. Er treibt frische Zweige aus. Er grünt und blüht. Er trägt seine Last hoch hinaus. Er lebt.

Wie ging es mit der Steinpalme weiter?

Nach dem entsetzlichen Geräusch der brechenden Zweige, nach dem Zerfasern der jungen Triebe und dem brennenden Schmerz, der wellenartig die junge Palme durchströmte, da regte sich neben aller Macht der Zerstörung eine erste kleine Welle von Kraft. „Und diese Welle vergrößerte sich, fiel in die Wellenbewegung des Schmerzes, wuchs, machte die Pausen zwischen Schmerz und wieder Schmerz länger und länger, bis die Kraft größer wurde als der Schmerz…der Baum hat seine Last angenommen und hoch hinausgetragen. Sie liegt auch heute noch auf seinem Herzen, aber sie ist in seinem Dasein an eine Stelle gerückt, die sie tragbar macht.“

Der Mann aus der Wüste konnte ihn nicht töten. Er lebt.

(Die Steinpalme, Quelle unbekannt)

Ellen Klass, Krankenhaus Bad Cannstatt