Juni 2017

Durch die Blume…

Beim Besuch einer Patientin fällt mir auf ihrem Nachtisch ein wunderschöner Wiesenblumenstrauß auf. Ich spreche die Dame darauf und an und sie erzählt:
„Mein Mann und ich waren so gerne zusammen in den Bergen. Wir haben ausgelassene Stunden und Tage auf Bergwiesen verbracht und lieben beide die Natur. Vor drei Jahren ist mein Mann verstorben. Im Frühling bringe ich ihm immer einen Wiesenblumenstrauß an sein Grab. Dann werden die Erinnerungen in mir lebendig und ich fühle meinen Mann ganz nahe bei mir. Das ist sehr tröstlich für mich.“

Vielleicht kennen Sie das auch, dass manche sinnliche Wahrnehmung das Gefühl vermittelt, dass jemand Abwesendes doch da zu sein scheint: Ein bestimmter Duft, ein Foto oder auch ein vertrautes Ritual, das tröstlich die Nähe eines Menschen spürbar macht, der doch eigentlich nicht mehr da ist.

Weg – und doch wirksam da.
Am Krankenbett begegnet mir nicht selten die Sehnsucht, dass der so fern scheinende Gott doch wirksam sein möge – spürbar und erfahrbar.

„Wenn ich beim Vater bin, sende ich euch den Tröster. Das ist der Geist der Wahrheit, der vom Vater kommt.“ So wird uns am Pfingstfest, das wir in diesem Monat feiern, die Nähe Gottes verheißen. Gott ist nicht fern in all dem Schweren, das uns das Leben immer wieder zumutet. Seine Kraft ist unter uns wirksam – und eine Wirkkraft des Geistes Gottes ist der Tröster, der sich in vielfältiger Weise offenbart.

In diesen wunderschönen Frühlingstagen, in denen es überall in leuchtenden Farben blüht – stelle ich mir seinen Trost so bunt vor wie einen Strauß voller Blumen, der für jede und jeden den Trost bereithält, den wir brauchen.
Vielleicht so, wie es die zeitgenössische Lyrikerin Annemarie Schnitt in ihrem Gedicht „Einen Strauß für deinen Tag“ vor Augen malt:

„Ein Vergissmeinnicht - für die Vergessenen
ein Tausendgüldenkraut - für die Belasteten
eine Goldrute - für die Wegsucher
ein Zweig Silberweide - für die Traurigen
eine Sonnenblume - für die Lichtsucher
eine Pusteblume - für die Sicheren
eine Glockenblume - für die Ertaubten
ein Jasmin - für die Erblindeten
ein Feuerdorn - für die Müden
eine Schlüsselblume - für die Mutlosen
ein Glücksklee - für die Kinder dieser Welt“


Pfarrerin Franziska Link, Marienhospital Stuttgart