Mai 2017

Wie lieblich ist der Maien…

An kalten Tagen wünschen wir uns den Mai herbei, damit er Sonne und Wärme bringt: Komm, lieber Mai, und mache, die Bäume wieder grün. Und wenn er da ist, besingen wir ihn mit schönen Maienliedern. Fast beschwörend bitten wir den Wonnemonat, zu halten, was sein Name verspricht. Das Lied Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt (EG 501) weiß: Der Mai ist nicht immer schön. Jeder Mai ist anders. Er kann uns sommerliche Tage bescheren oder uns mit den Eisheiligen den Winter zurückbringen. Der Mai ist dann lieblich, wenn Gott es in seiner Güte so fügt. Auch unsere Lebensgeister erwachen nicht automatisch. Auch wir atmen auf, blühen auf, wenn Gott es uns schenkt. Und dafür sollten wir Gott loben, zusammen mit der ganzen Schöpfung.

Wie lieblich ist der Maien aus lauter Gottesgüt,
des sich die Menschen freuen, weil alles grünt und blüht.
Die Tier sieht man jetzt springen mit Lust auf grüner Weid.
Die Vöglein hört man singen, die loben Gott mit Freud.


So hat der Pfarrer Martin Brehm 1604 gedichtet, in einer Zeit der Kriege, Hungersnöte und der Pest. Dass nach den harten, eisigen Monaten wieder freundliche, warme Tage folgen, dass es nach dem Winter Frühling wird, das gab den Menschen damals die Gewissheit: Es gibt eine verlässliche Ordnung. Gott garantiert, dass die Gaben der Natur die Menschen er-nähren und das Leben erhalten. Darum wird das Lied vom lieblichen Maien zu einem Dank-gebet für die gute Ordnung der Jahreszeiten und zur Bitte, den Rhythmus zu bewahren und Unwetter zu vermeiden.

Herr, dir sei Lob und Ehre für solche Gaben dein!
Die Blüt zur Frucht vermehre, lass sie ersprießlich sein.
Es steht in deinen Händen, dein Macht und Güt ist groß;
drum wollst du von uns wenden Mehltau, Frost, Reif und Schloß.


Wie das Wetter und das Wachstum in der Natur, so liegt auch unser Leben in Gottes Händen. Widrige Lebensumstände können unsere Seele verändern. Wer krank ist, gebrechlich wird oder einen lieben Menschen verliert, muss das verarbeiten. Da kann sich ein Grauschleier über das Gesichtsfeld legen und sich das Herz verfinstern. Manch eine fragt sich: Wie soll das bloß weitergehen? Wie soll ich das schaffen? Warum muss ich das durchmachen? Auch im Wonnemonat Mai ist das Schwere ja nicht einfach weg. Unser Lied gibt uns den Rat, uns mit unseren Sorgen an Gott zu wenden, uns an sein Wort zu klammern. Denn das kann im Schweren Halt bieten und einen Weg zeigen, wie es weiter gehen kann.

Herr, lass die Sonne blicken ins finstre Herze mein,
damit sich's möge schicken, fröhlich im Geist zu sein,
die größte Lust zu haben allein an deinem Wort,
das mich im Kreuz kann laben und weist des Himmels Pfort.“


Das alte Maienlied kann uns daran erinnern: Nichts ist selbstverständlich. Dieser wunderbare Monat, das Aufblühen in der Natur, unsere Lebensfreude – all das verdanken wir der Güte Gottes. Das Dunkle und Schwere gehört für manche von uns leider auch zum Mai. Aber in-dem wir mit der schwungvollen Melodie in das Gotteslob einstimmen, ahnen wir vielleicht, dass Gottes Güte auch uns gilt und uns einen neuen Frühling bescheren wird.

Pfarrerin Ingrid Wöhrle-Ziegler, Diakonieklinikum