November 2016

Novembertage liegen vor uns. Dunkler wird die Welt, die Tage werden kürzer, und so mancher, der morgens aufsteht und abends von der Arbeit nach Hause kommt, geht diese Wege stets im Dunkeln.

Beschwerlich ist diese Zeit für viele von uns. Es fehlt das Licht und mit dem Licht auch die Unbeschwertheit. Wenn dann noch die sprichwörtlichen Novembernebel am Fenster vorüberziehen und wir zuweilen nicht die Hand vor dem Gesicht sehen, kriecht einem manchmal nicht nur die kalte Nässe den Rücken hoch, sondern es schleicht sich auch noch Einsamkeit ein.

Volkstrauertag, Toten-oder Ewigkeitssonntag, die Erinnerung an das dunkle Kapitel Reichskristallnacht. Es ist ein anstrengender Monat, wenn man ihn bewusst erlebt und nicht schon mit vorweihnachtlichen Bräuchen „zudeckt“.

Doch für mich ist der Ernst dieses Monats auch sehr wertvoll, er reduziert unser Leben in seiner Kargheit auf das Wesentliche.

„Lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden“, so drückt dies der Psalmbeter aus. Alles geschäftige Treiben, alles Organisieren, alles Streben nach Mehr und alles Glück, alle Beziehungsfreude und Beziehungsnot, aber auch alle Sorgen und Ängste, alles Leiden und alle Krankheit werden ihr Ende finden. Das ist tröstlich und schmerzlich zugleich. Diese Ambivalenz ist schwer zu ertragen, vor allem, wenn man alleine ist.

Ich bin froh, dass wir diese Feiertage haben, und diese Erkenntnis nicht alleine ertragen müssen, sondern dass wir sie zusammen mit anderen bedenken und mit Ritualen in Gottesdiensten auch öffentlich würdigen können. Dann sind wir zumindest nicht  n u r  alleine damit und können in der Gemeinschaft mit anderen erleben, dass dies trägt und Halt gibt.

 „Gut, dass wir einander haben, gut, dass wir einander sehn, Sorgen, Freuden, Kräfte teilen und auf einem Wege gehen…“ Kennen Sie dieses Lied auch? Immer wieder fällt es mir ein in den letzten Tagen. Wenn ich durch die Krankenhausgänge gehe und Mitarbeiter in ihrem Alltagsstress sehe oder am Krankenbett sitze und Patienten zuhöre. „Gut, dass wir nicht nur uns haben, dass der Kreis sich niemals schließt, und dass Gott, von dem wir reden, hier in unserer Mitte ist...“ Totensonntag oder aber Ewigkeitssonntag, so heißt der letzte Sonntag des Novembers. Er weist uns den Weg, dass alle unsere begrenzten Lebenstage ein kleiner Ausschnitt der Ewigkeit Gottes sind, von dem wir kommen und zu dem wir gehen. Den wir mitten in unserer Zeit erfahren, wenn wir miteinander und mit ihm das Schwere und das Leichte teilen. Dann brechen am Horizont die dichten Nebel sachte auf und lassen einen sanften Lichtstrahl auf unser Leben fallen. 

Dorothee Bay-Schwenzer, Pfarrerin am Karl-Olga-Krankenhaus