Oktober 2016

Wenn ich im Krankenhaus vom Roten Kreuz in unserer Kapelle nach draußen blicke, habe ich dieses Bild vor mir. Der Psalmvers und die Straßenbahn, die in Bad Cannstatt direkt vor dem Fenster vorüberfährt, verbinden für mich Geistliches und Weltliches. Und so erlebe ich es auch in meinem Alltag als Krankenhausseelsorgerin. Ich bin eine Fremde als kirchlich angestellte Pfarrerin in einem weltlichen Krankenhaus. Viele Menschen, die hier ein und ausgehen, kennen die Kirche eher von außen als von innen. Und doch finden häufig gute und intensive Begegnungen statt, bei denen ich darauf vertraue, dass außer mir auch noch der Geist Gottes mitwirkt.

„Wo aber der Geist des Herrn ist, da ist Freiheit.“ Mit diesen Worten aus dem 2. Korintherbrief des Apostels Paulus möchte ich mir und Ihnen, die Sie diesen Impuls lesen, Mut zusprechen. Freiheit ist ein wichtiges Gut für mich, das ich in der Regel wie selbstverständlich hinnehme. Es fehlt mir aber umso mehr, wenn ich unter Druck gerate. Gerade in schwierigen Situationen im Leben, in Zeiten von Veränderungen oder Krisen entschwindet mir die Freiheit gern und ich sehe nur das, was mich einschränkt und mir Grenzen setzt.
Wenn es um meine Gesundheit geht, erlebe ich die Einschränkungen durch meinen Körper, der nicht so arbeitet, wie ich will. Wenn es um meine Arbeit geht, erlebe ich bei mir selbst und bei anderen die Begrenzungen durch äußere Vorgaben, mangelnde Kommunikation oder ein schwieriges Betriebsklima.
In all diesen Momenten und Situationen kann es mir eng werden ums Herz und in der Seele. Da hilft es mir oft, mich auf einen geistlichen Zuspruch zu stützen, auf Worte, die nicht aus mir selbst kommen und die Kraft haben. Worte, die mir den weiten Horizont des Glaubens eröffnen und mich die Freiheit der Kinder Gottes spüren lassen und das heißt: mein Wert und meine Würde hängen nicht von meiner Leistung oder Anerkennung durch andere Menschen ab. So sehr ich das auch brauche.
Und manchmal gelingt es mir solch bedrängenden Situationen mit etwas Humor zu begegnen, wie er sich für mich in einer modernen Übertragung einer der Seligpreisungen Jesu ausdrückt:
„Selig, die über sich selbst lachen können. Sie werden nie aufhören, sich zu amüsieren.“
Manchen Ärger und manche Enttäuschung kann ich so ein wenig weglachen.

Dorothee Mende, Krankenhauspfarrerin im Krankenhaus vom Roten Kreuz Stuttgart Bad-Cannstatt