September 2016

Wie hab ich mich auf den Urlaub gefreut! Und die Tage waren auch wieder sehr schön. Aber kaum zuhause, da nimmt mich der Alltag wieder schnell in Beschlag. Irgendwie habe ich das Gefühl: Diese Urlaubstage haben eine äußerst kurze Halbwertszeit. Die Erholung, der Abstand vom Alltag - all das wird sofort wieder eingeholt und überlagert von den tagtäglichen Anforderungen. Aller Erfahrung nach vollends, wenn auch die Kinder wieder vom Schulalltag eingeholt werden.

Der Alltag hat uns wieder! Schade, denke ich. Da bleibt wohl nur die Vorfreude auf den nächsten Urlaub. Nein - das wäre wirklich schade! Denn so verstanden, stünden sich ja Alltag und Urlaub konkurrierend gegenüber. Wenn ich so dächte und lebte, wäre mein Alltag ja nur ein notwendiges Übel für den nächsten Urlaub oder das nächste freie Wochenende. Aber was ist dann mit der wertvollen Lebenszeit dazwischen? Müsste recht betrachtet nicht mehr Urlaubsqualität in meinem Alltag Platz haben?

Mir hat Bernhard von Clairvaux (gest. 20. August 1153) hier auf die Sprünge geholfen: "Wie lange noch schenkst du allen anderen deine Aufmerksamkeit, nur nicht dir selbst? Ja, wer mit sich selbst schlecht umgeht, wem kann der gut sein? Denk also daran: Gönne dich dir selbst - ich sage nicht: Tu es immer! Ich sage nicht: Tu das oft! Aber ich sage: Tu es immer wieder einmal. Sei wie für alle anderen auch für dich selbst da."

"Gönne dich dir selbst." Was für ein schöner und guter Gedanke! Hinter diesen Worten steht das Doppelgebot der Liebe: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst; ich bin der HERR." (3. Mose 19,18).

"Gönne dich dir selbst." Was das in meinem Alltag bedeutet, darüber will ich nachdenken. Vielleicht, indem ich mich mitten im Alltagsgetriebe immer wieder einmal fragen lasse: Sag mal, wo bleibt eigentlich deine wohlwollende, freundliche Haltung gegenüber deiner eigenen Person? Fühlst du dich noch oder funktionierst du bloß? Mich mir selbst gönnen, das will ich wieder bewusster üben, nicht zuletzt, indem ich Gott im Gebet sage, wie es mir geht. Ganz für mich will ich mir das gönnen.

Pfarrer Holger Platz, Seelsorger im Robert Bosch Krankenhaus Stuttgart