April 2019

© Franziska Link

Gebetsmeditation zum Spiegelkreuz

Ich sehe dein Kreuz.
Ich sehe das Zeichen für dein Leiden, für das, was du ertragen musstest:
Die Einsamkeit in der Nacht deiner Verhaftung, den Verrat unter Freunden,
die unerträglichen körperlichen Schmerzen, die Angst vor dem Tod.

In deinem Kreuz sehe ich aber auch mich.
Mit den Bruchstücken meines Lebens.
Mit dem, was mich verletzt, was in mir zerbrochen ist.
Ich sehe die Scherben vor mir.
Ihre Kanten sind scharf und schneidend.
Die Ecken spitz und verletzend.

Es fällt mir schwer, auf die Verletzungen zu schauen,
aus Angst, wieder verletzt zu werden,
wenn ich die Scherben in die Hand nehme
und der Schmerz wieder tief ins Herz zu stechen droht.

Die Bruchstücke meines Lebens bringe ich heute vor dich.
Du kennst meine Schmerzen.
Was mich verletzt, übergebe ich dir:
Meine eigene Verzweiflung wie die Not in unserer Welt,
die voller Ungerechtigkeit, Gewalt, Zerstörung und Krieg ist.
Du nimmst es auf in deine Hände.

In dir bin ich gehalten mit den Bruchstücken meines Lebens.
Und vor dir bekommt mein Leben ein neues Gesicht.
In deinem Kreuz erkenne ich mich.
In deinem Kreuz sehe ich etwas Neues.

In deinem Kreuz sehe ich trotz aller Scherben kein dunkles Bild.
Hell hebt es sich ab von seinem dunklen Hintergrund.
Ich sehe, wie die Scherben das Licht spiegeln, das darauf fällt.
Und ich spüre: das ist dein Licht, das in mein Leben fällt.
Und dein Licht erreicht mich auch dort, wo ich mich ganz und gar verlassen fühle.
Denn du, Gott, kennst selbst die schlimmste Verlassenheit.
Du bist selbst durch die menschlichen Abgründe gegangen.

Und das hast du für mich getan.
Das sehe ich in deinem Kreuz.
In deinem Kreuz spiegelt sich das Licht deiner Liebe.
Der Liebe, die stärker ist als der Tod.
Du bist mein Gott.
In deine Hände kann ich mich fallen lassen.


Pfarrerin Franziska Link, Marienhospital Stuttgart