Februar 2020

© Ellen Klass

Die Tür zum Göttlichen offen halten.

Am Bodensee, genauer am Untersee im Dorf Gaienhofen auf der Halbinsel Höri findet sich Hermann Hesses erstes Gartenparadies. 9000 Quadratmeter akribisch bepflanzte und doch wilde Natur um das 1907 bezogene erste eigene Wohnhaus der Familie Hesse herum.

In diesem soweit wie möglich im Originalzustand erhaltenen Garten sind Tafeln aufgestellt, auf denen man Hesses ursprüngliche Planskizzen für die Anlage nachvollziehen kann. Zu denen hat die jetzige Besitzerin Zitate des Dichters aus seinen Werken ausgewählt und dazugesellt. Die Tafel mit der Überschrift „Veränderung des Ortes“ habe ich bei einem Besuch im letzten Sommer fotografiert.

Dieses Fleckchen Erde ist meinem Eindruck nach nicht nur ein Garten. Es ist ein meditativer Ort. Hier kann man, wenn man sich öffnet für die Farben und Gerüche, für den großen Kreislauf des Werdens und Vergehens, für eine kleine Weile in seine Mitte finden.

Wer bin ich in der sich verändernden Welt? Was geschieht mit mir, wenn ich mich selbst verändere, wenn ich krank und alt werde? Wenn ich mich immer mehr vom Leben zum Sterben wende?

Wenige Tage, nachdem es meiner Mutter nach ihrer Herzbypass-Operation allmählich wieder besser ging und sie spürte, wie ganz langsam die Kraft und das Leben in ihren Körper zurückkehrte, sagte sie: Dass die Berge noch stehen werden, wenn ich einmal nicht mehr sein werde, so, wie sie vor Jahrtausenden schon gestanden sind, das ist mir ein Trost.

Wenn die Welt sich verändert, wenn „Angst und Radau“ überhandnehmen, und wenn auch ich mich dieser Veränderung nicht entziehen kann, weil sie mit mir geschieht, dann helfen manchmal einfache Dinge: eine Spaziergang im Wald oder in einem Garten, oder eine Bergwanderung, oder der Blick auf einen See oder das Meer. Und wenn das nicht geht, dann darf das auch ein innerer Spaziergang, eine Erinnerung an eine Wanderung oder ein phantasierter Blick auf ein großes Wasser sein.

Ich weiß: das löst nicht die Probleme, die mich bedrängen, aber es lindert die Angst vor Veränderung. Es kann sogar die Angst vor dem Tod vertreiben, wenn wir uns einordnen in den Kreislauf des Lebens, weil wir erfahren: „Gras und Bäume wachsen doch noch“ und „die Wolkenspiele werden noch immer da sein.“ Die „Tür zum Göttlichen“ ist noch immer offen.

Ellen Klass, Krankenhaus Bad Cannstatt, St. Anna Klinik, Sportklinik