Juli 2018

Sonne geht auf

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Liebe Leserin, lieber Leser,

der Schriftsteller Martin Walser hat in seinem 2017 erschienenen Buch „Statt etwas oder Der letzte Rank“ viele gute Gedanken über das Leben zu Papier gebracht. So auch im 35. Kapitel:

„Wir sind alle immer mit der Sinnlieferung beschäftigt. Was einer gegen mich hatte, gab seinem Leben einen Sinn. Und je mehr Sinn er produzierte, desto mehr durfte er der sein, der er sein wollte. Die ganze Welt ein Sinnlieferungsgetobe. Je mehr Sinn einer produzierte, zum Beispiel durch den Nachweis, dass ich zu wenig oder überhaupt falschen Sinn lieferte, umso lieber war er der Welt. Die Welt will alles sein, aber nicht sinnlos.“ *

Das Wort „Sinnlieferungsgetobe“ – und den Satz: „Die Welt will alles sein, aber nicht sinnlos.“ finde ich besonders faszinierend. Alles, was Menschen tun, machen und denken – nur wegen der Sinnlieferung, die, sieht man sich die modernen Medien an, in der Tat in ein regelrechtes Getobe ausgeartet ist: Was soll ich tun? Wie leben? So? Anders? Ganz anders? Vegetarisch reicht nicht mehr. Vegan muss es sein. Tu dies, lass das. Kauf mich. Wie mich optimieren? Bewegen? Mindestens 2000 Schritte täglich! Zählen? Messen?

Keiner und Keine kann heutzutage, was da an Sinnlieferung geliefert wird, noch ernsthaft wahrnehmen und danach leben. Es gibt zu viel Sinnlieferung in der Welt, allmählich unüberschaubar. Eben: „Sinnlieferungsgetobe.“

Warum das alles? So unüberschaubar geworden, wirr – und manchmal irr? Walsers Antwort ist schockierend einfach: „Die Welt will alles sein, aber nicht sinnlos.“ Deshalb der ganze Hokuspokus der Meinungen, Werbungen, Life-Styles? Das ist sehr gut möglich.

Ich frage mich: Verstecken und verdecken die Menschen so ihre Angst oder zumindest die Befürchtung, dass alles gar keinen Sinn haben könnte? Dass wir ganz sinn- und ziellos unsere Jahre auf dieser Erde ableben, dann vielleicht krank werden, dann gewiss sterben – und alles war vergeblich, sinnlos, weil der Tod es sinnlos-zunichte macht? Wer weiß?

Wie wohltuend und entlastend empfinde ich da die Botschaft des Evangeliums: Du Mensch musst dir „Sinn“ nicht selber liefern, ihn dir nicht durch diesen oder jenen Lebensstil erst mühsam abgewinnen – oder auch nicht. Gott, der dich liebt, gibt dir Sinn. Gratis, umsonst, ungeschuldet und unverdient. Wie? Indem er dich liebt und sagt: „Du Mensch bist in meinen Augen unendlich wertvoll, geliebt, geachtet, geborgen und gehalten – was auch immer kommt. Vertrau. mir.“

Oder – wie Jesus es einmal sagte: „Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt. Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
(Johannesevangelium 14,27)

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sommermonat Juli – ohne Sinnlieferungsgetobe. Entziehen Sie sich. Es ist alles schon da, aus Liebe, gratis, umsonst, kostbar.

Pfarrer Dr. Jörg Bauer, Katharinenhospital

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*Aus: Martin Walser, Statt etwas oder Der letzte Rank, S. 126,
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