Juli 2020

Der Engel des Herrn rührte Elia an und sprach: Steh auf uns iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 
(1. Könige 19,5)

Herr Maier hatte keinen Appetit mehr. Er war in seinem Beruf hoch geschätzt gewesen, geradezu unersetzbar, gewissenhaft, verlässlich, auch als Mensch. Aber jetzt war er seit einigen Jahren im Ruhestand. Er lebte allein. Von den wenigen guten Bekannten und Freunden waren zwei nach schwerer Krankheit gestorben. Die Kontakte wurden weniger, die Kreise kleiner. Immer hatte er seinen Haushalt in bester Ordnung gehalten, seit einigen Monaten aber nicht mehr. Die Dinge wuchsen ihm über den Kopf. Vor allem aber wurde er krank. Im Krankenhaus stellte man Darmkrebs fest. Der Chirurg musste ihn zur Operation überreden. Dass er einen künstlichen Darmausgang bekam, erschien ihm wie eine Bestätigung für sein nahes Ende. Je früher, desto besser, meinte er. Eine anschließende Chemotherapie lehnte er ab. Aus ärztlicher Sicht waren seine Aussichten durchaus nicht niederschmetternd, - zu allem andern aber schmetterten sie ihn nieder. Er führte gewichtige Gründe dafür an, warum er nicht mehr würde in seine Wohnung zurückkehren können. Er drängte auf einen Platz im Pflegeheim. Dem Sozialdienst schien er für die Pflege noch zu selbständig zu sein. Herr Maier lehnte es ab, sich ein Telefon am Bett freischalten zu lassen, - keine Kontakte nach außen mehr. Dann deutete er an, er wolle nicht mehr leben. Er wollte nicht mehr.

Das war der Tiefpunkt. Herr Maier wurde in eine psychiatrische Klinik verlegt. In der Psychiatrie schmeckte das Essen nicht besser. Aber es gab hier einen Pfleger, der sich Zeit für ihn nahm und ihm zuhörte, der gelegentlich mit ihm einen kleinen Spaziergang unternahm. Da gab es immer ein wenig Zeit zum Reden. Der Pfleger besorgte ihm eine christliche Wochenzeitschrift, die er über viele Jahre bezogen hatte. Er las jedes Heft von der ersten bis zur letzten Seite durch. Dann gab es noch eine junge Pflegerin, die viel Lebensfreude ausstrahlte. Die legte ihm gelegentlich kurz ihre Hand auf die Schulter und hatte für ihn immer ein freundliches Wort, wenn sie für einen Moment in sein Zimmer kam. Er nannte sie einmal „unser Engel“. Schließlich gelang es der Mitarbeiterin des Sozialdienstes, die Zusage zu bekommen für einen Platz in dem von ihm gewünschten Pflegeheim. Herr Maier sog alles wie ein ungeahntes Glück auf, bei aller Zurückhaltung. Dass es ihm „gut“ gehe, brachte er nicht über die Lippen. Aber in einem persönlichen Gespräch mit dem Pfleger sprach er dann doch von einer großen Dankbarkeit. Und er zog einen Zettel aus seinem Geldbeutel, in dem er schon Jahre zuvor notiert hatte, wofür er nicht nur dankbar, sondern täglich dankbar sei. Der war ihm jetzt wieder eingefallen. Er sprach von seinem bevorstehenden Umzug, von den Vorzügen des Heims, dass er dort einen älteren Herrn kannte und dessen Tochter, die ihn regelmäßig besuchte und die sicher auch ab und zu bei ihm klopfen würde. Von seinem künstlichen Darmausgang sprach er immer weniger. Er begann sich Gedanken darüber zu machen, wie er seine Zeit im neuen Zuhause gestalten könnte. Es gab wieder eine Zukunft, eine unverhoffte Zukunft. Er hatte bereits damit begonnen, sich für diese Zukunft zu stärken.

Christoph Hoffmann-Richter, Sana Klinik Bethesda Stuttgart und Furtbachkrankenhaus