Juni 2019

© Simone Straub

Dietrich Bonhoeffer hat geschrieben:
Jeder neue Morgen ist ein neuer Anfang unseres Lebens. Jeder Tag ist ein abgeschlossenes Ganzes. Der heutige Tag ist die Grenze unseres Sorgens und Mühens. Er ist lang genug, um Gott zu finden.
Darum schuf Gott Tag und Nacht, damit wir nicht im Grenzenlosen wanderten, sondern am Morgen schon das Ziel des Abends vor uns sehen. Wie die alte Sonne doch täglich neu aufgeht, so ist auch die ewige Barmherzigkeit Gottes alle Morgen neu (Klagl. 3,23). Die alte Treue Gottes allmorgendlich neu zu fassen, mitten in einem Leben mit Gott täglich ein neues Leben mit ihm beginnen zu dürfen, das ist das Geschenk, das Gott uns mit jedem Morgen macht.

Ich selbst liebe den Morgen. Ich habe ihn lieber als den Mittag und den Abend. Wohl auch lieber als die Nacht. In den vergangenen Monaten war ich oft auf dem Birkenkopf zum Sonnenaufgang. Und jeden Morgen, den ich hier verbracht habe, war ein Morgen, in dem etwas zu spüren war, vom Anfang, als alles begann. Nach dem Weg vom Feuersee hoch, durch den noch dunklen Morgen, die Sonne zu erleben, wie sie tatsächlich all morgen frisch und neu aufgeht. Zu wissen, dass sie kommt. Ganz oft ganz prächtig im tiefen Rot. Ganz oft umgeben von gelben und orangen Himmelsspielen. Sie kommt pünktlich und steigt schnell nach oben und erhellt den Himmel und die Erde. All Morgen tut sie das.

Erinnere uns an den Anfang.
Am Anfang, als Leben begann, sprachst du zu uns:
Ihr seid willkommen,
hast du an die Hand uns genommen.

Erinnere uns an das Staunen.
Mit staunendem, offenen Blick
hast du uns als Kinder gesegnet,
sind wir allem Neuen begegnet.

Erinnere uns an Erfahrung.
Erfahrung, die uns heute prägt,
hat uns auch durch Trauer geleitet,
hat unseren Glauben geweitet.

Erinnere uns an das Ende,
ans Ende, wenn du zu uns sprichst:
Willkommen seid ihr.
Euer Bangen ist gänzlich in Liebe umfangen.

Erinnere uns an den Anfang,
an Ursprung und Werden und Vergehen,
damit wir das Leben verstehen,
damit wir klug werden.

(Text: Ilona Schmitz-Jeromin 2014)


Simone Straub, Klinikum Mitte, Olgahospital/Frauenklinik und Johanneskirche II