Juni 2020

"γραφω και σβηνω", "Ich schreibe und streiche wieder", so heißt ein griechisches Gedicht. Geschrieben wurde es von Michalis Ganas, vertont von Mikis Theodorakis und gesungen von der großartigen Maria Farantouri. Sie füllt noch als alte Dame mit ihrer tiefen, warmen Stimme Konzertsäle, ja ganze Stadien.

Ich schreibe etwas auf und streiche es gleich wieder durch. Das passiert mir, wenn ich einen Einkaufszettel schreibe, sei es, dass ich zu viel um alles zu tragen notiert habe, sei es, dass der Einkauf zu teuer würde, sei es, dass ich doch lieber ganz andere Sachen zu brauchen meine.

LEBEN IST WIE ZEICHNEN OHNE RADIERGUMMI

Aufschreiben und dann wieder durchstreichen. Das kann auch eine ernstere Sache sein: etwa wenn ich eine Bewerbung schreibe und merke, dass ich den falschen Ton getroffen habe. Oder wenn ich Bilanz ziehe - hinsichtlich meiner Finanzen oder sogar in der Rückschau auf mein ganzes Leben. Wenn ich etwa auf den zweiten Blick merke, dass viele Aspekte fehlen, die ich im ersten Anlauf vergessen oder verdrängt habe, die mir den Blick in den Spiegel unerträglich gemacht haben. Oder aber ich muss noch etwas nach außen Kritisches einfügen, eine Anklage, einen Protest, ein "So nicht, nicht mit mir!"

Mein ganzes Schreiben und gleich wieder Streichen ist eine feine Sache, egal ob für den Alltag, rein spielerisch praktiziert oder auch wenn es um Wichtigeres geht. Aber wie sagte doch einmal ein kluger Mensch: "Leben ist wie Zeichnen ohne Radiergummi". Ich kann Schreiben und Retuschieren soviel ich will - am Schluss bleib das gelebte Leben,
so oder so.

STREICHEN ODER ES STEHEN LASSEN

Ein Aspekt fehlt noch. "Ich schreibe und streiche wieder" ist ein Liebesgedicht:

Ich schreibe und streiche wieder, Jahre und Worte auf Papier,
dieselben Fehler, wenig, was gilt,
aber für dich stürz ich mich ins Feuer, nur für einen Blick von dir.

Hände Flüsse, Augen Himmel, und eine Grille in der Stimme,
den Himmel versetzen sie in den Körper, und sein Anlass bist du.

Immerzu wechsle ich Platz und Blickwinkel, Sprünge zurück, Schritte nach vorn,
aber für dich stürz ich mich ins Feuer, nur für einen Blick von dir.

Schreiben und wieder streichen. Schreiben und es stehen lassen.
Im Leben und in der Liebe kann beides sein.


Eckhard Ulrich, Marienhospital