November 2018

Liebe Leserin, lieber Leser,

„an jenem Tage, der kein Tag mehr ist“ – kommt Jesus. Da kommt er noch einmal zur Welt - und spricht das Urteil über alle Welt.
Das ist die Kernbotschaft des christlichen, unseres Glaubens, am Ende des Kirchenjahres.

Jesus – als Richter aller Welt - das muss uns nicht schrecken.
Das ist für alle Welt heilsam. Denn da heilt er und bringt endlich zu recht, was menschlicher Egoismus, menschliche Gier und menschliche Unbarmherzigkeit seit Beginn der Welt auseinandergerissen und zerstört haben. Menschen und Natur; die ganze Welt, die in diesem Jahr 2018 wieder einmal total aus den Fugen geraten ist.

Er, Jesus, spricht Recht über alles, was ist. Gnädiges Recht. Barmherziges Recht.
Wie das sein könnte, wie ich mir das vorstelle – das habe ich einmal in einer Adventspredigt versucht zu beschreiben:

Da spricht einer Recht, der die Abgründe der Hölle und des Todes am eigenen Leib kennt. Endlich wird Klarheit sein, was gut war und was böse.
Die Wahrheit wird ans Licht kommen. Feuriger Schmerz über das, was sich an Schuld angehäuft hat, wird in den schuldig Gewordenen brennen wie ein Fluch. 
Aber es wird dem Himmel gelingen, Schuldige und von ihnen Verwundete und Beschämte zu echter Gemeinschaft zusammen zu führen. Ich glaube, dass die Gemeinschaft der Heiligen letztlich alle umfassen wird. Auch die jetzt noch Gleichgültigen, die Boshaften, die Gemeinen.

So könnte es sein. Ein für alle Mal: zu recht gebracht, geheilt, getröstet, geborgen. Alles, was ist.

Und inzwischen? Dazwischen? „Bis, dass er kommt“?

An jenem Tage,
der kein Tag mehr ist – vielleicht wird er sagen:
Was tretet ihr an
mit euren Körbchen voller Verdienste,
die klein sind wie Haselnüsse
und meistens hohl?
Was wollt ihr
mit euren Taschen voller Tugenden,
zu denen ihr gekommen seid
aus Mangel an Mut,
weil euch Gelegenheit fehlte,
oder
durch fast perfekte Dressur?

Hab ich euch davon nicht befreit?
Wissen will ich:
Habt ihr mir vertraut
und die anderen
angesteckt mit Leben
so wie ich euch?

(Nach Paul Weismantel)

Das könnte es sein. So leben wir in der Zwischenzeit.
Sich immer wieder daran erinnern, vergewissern, nicht nur, wohin wir unterwegs sind, sondern auch, was uns jetzt ausmacht, wovon wir leben, existieren.
Es sind nicht unsere Verdienste. Bei näherem Hinsehen: klein wie Haselnüsse und meistens hohl.
Nicht aus unseren Taschen voller Tugenden, die doch irgendwie lächerlich sind. Oft nur entstanden aus: „Dressur“.

Mit dem können wir nicht bestehen an jenem Tage, der kein Tag und keine Nacht mehr sein wird, sondern nur noch seine, Gottes, Gegenwart.
Wir leben aus anderen Quellen, die wir weder selbst sprudeln lassen können noch müssen:

Von seiner, von Gottes Zärtlichkeit und Zuneigung, die Mensch geworden ist.
Advent und Weihnachten lassen schon im November grüßen.

So leben wir, bis dass er kommt. Und stecken unsere Mitmenschen mit Leben und Vertrauen an. So gut wir können.

Pfarrer Dr. Jörg Bauer, Katharinenhospital