September 2018

Butterblumen

»Was ich mich frage, ist«, beginnt Herr Wohllieb, »ob es wohl mehr glückliche oder mehr unglückliche Menschen gibt.«
»Und?«, fragt Sophie, »was denken Sie?« 
»Ich denke«, sagt er, »es gibt mehr glückliche Menschen. Sie wissen es nur nicht.
Mich zum Beispiel macht eine Tasse Kaffee mit gesüßter Sahne glücklich oder das Nachlassen eines Juckreizes. Heute Morgen befand ich mich eine Weile Auge in Auge mit einem Buchfinken. Er sah mich so forschend an, als wollte er abwägen, ob eine Bekanntschaft mit mir lohnenswert wäre. Und dann roch ich den Frühling, gemischt mit dem Geruch eines Waschmittels, und plötzlich sah ich Butterblumenwiesen vor mir - und auch wenn ich wusste, dass das ein Bild der Werbung ist, war es dennoch schön.«
Sophie nickt. »Aber es ist nichts Besonderes, oder? Das gibt es doch jeden Tag.«
»Eben«, sagt Herr Wohllieb. »Das ist es ja! Was, wenn gar nicht das Glück das Besondere wäre, sondern das Unglück? Das einem deshalb so riesig und so ungeheuerlich vorkommt, weil es die Ausnahme ist? Vielleicht ist das Glück das Alltägliche, und wir vergessen bloß, es wahrzunehmen. So wie wir vergessen, über das Blau des Himmels zu staunen.«
Und weil Herr Wohllieb Herr Wohllieb ist, meint er es genauso, wie er es sagt.

10 Alltagsglücklichkeiten

1. eine spiegelglatte Wasserfläche zum Hineinspringen
2. der Geschmack der ersten Erdbeere im Juni
3. das frische Gefühl nach einer Zahnreinigung
4. stumm geschaltete Smartphones
5. Willkommensszenen auf Bahnhöfen
6. gute Butter
7. lange gehen und plötzlich das Gefühl haben, gegangen zu werden
8. Tiere, die lustige Sachen tun (die sie selbst wahrscheinlich gar nicht lustig finden)
9. die Abwesenheit von Schmerz
10. plötzlich einen Gedanken denken, den man noch nie zuvor gedacht hat

Aus: Susanne Niemeyer „Herr Wohllieb sucht das Paradies. 40 Geschichten vom Glück“, Herder 2017.

Pfarrerin Kristina Schnürle, Olgahospital