September 2019

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Was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele?
 
Matthäusevangelium 16,26 / Monatsspruch September 2019

Das sagt Jesus, etwas umständlich. Hülfe. Gewönne. Kein Mensch spricht so.

Der Mensch. Gesetzt den Fall, das ginge, dass er die ganze Welt gewönne. Eine eigene, kleine, oder auch die große Welt. Wie macht man das? Viel Geld verdienen. Erfolgreich sein. Macht haben, Gesundheit haben, gesichert sein gegenüber allen Eventualitäten des Lebens. Lebensversichert. Viele Menschen jagen nach diesen Gütern und tun alles für sie.

Und dann: Wenn sie das alles haben? Was hilft es dem Menschen? Menschen bleiben nicht. Sie sterben. Dann ist ihre Macht verloren. Ihr Geld bleibt hier. Niemand kann irgendetwas mitnehmen. Man sagt, das letzte Hemd habe keine Taschen.

Wie steht’s denn bei den Weltgewinnlern mit ihrer Seele? Hat sie Schaden genommen während und auf der Jagd nach der Weltherrschaft? Ganz sicher. Geld macht oft nicht glücklich. Es langweilt und macht unbarmherzig gegenüber denen, die es nicht haben. Es kann die Seele eines Menschen ersticken auf der Suche nach immer mehr von allem. Macht macht oft einsam und herzlos gegenüber denen, die machtlos sind. Gesundheit, Schönheit, Selbstoptimierung. Eine ganze Industrie lebt davon. Sind gesunde, schöne und selbstoptimierte Menschen glücklich? Glücklicher? Haben sie die Welt gewonnen? Vielleicht für eine kurze Zeit. Manchmal kommen sie mir aber auch ziemlich verbissen vor: Nur ja nichts falsch machen…

Viele Patientinnen und Patienten, denen ich im Krankenhaus begegne, denken darüber nach und begreifen, dass beispielsweise das mit der Gesundheit so eine Sache ist. Wer heute noch gesund ist, kann schon morgen krank sein, obwohl man durchaus gesund und verantwortungsbewusst gelebt hat. „Bleiben Sie gesund!“, wünschen mir so oft Patientinnen und Patienten, wenn ich mich verabschiede. Ich denk‘ mir dabei meinen Teil. Niemand hat irgendetwas in der Hand. Es gibt keine Sicherheit. Selbst der Gesündeste hat sie nicht, trotz aller gesunden, guten und richtigen Vorbeugemaßnahmen.

Was hilft es, die ganze Welt zu gewinnen, wenn die Seele dabei Schaden nimmt und atemlos, gierig, griesgrämig und auch enttäuscht wird auf der Jagd nach Geld, Erfolg, Macht, Gesundheit, Schönheit? Nichts.

Wie es anders gehen kann, sagt Jesus unmittelbar vorher: „Denn wer sein Leben erhalten will, der wird’s verlieren; wer aber sein Leben verliert um meinetwillen, der wird’s finden.“

Ersetze ich das Wort „Leben“ mit „Atem“, dann wird deutlich, was Jesus meint und rät. Wer seinen Atem festhält und nicht loslässt, nimmt Schaden; er erstickt. Ich muss den Atem loslassen, um keinen Schaden zu nehmen, um leben zu können. Loslassen. Einatmen und Ausatmen.

Dann vielleicht auch mein Leben - Ausatmen hin zu Gott. Ins Vertrauen zu ihm, dass er mein Lebensgrund ist, ob ich nun gesund oder krank, arm oder reich, mächtig oder ohnmächtig bin. So lebt die Seele auf und nimmt keinen Schaden, so gewinnen wir das Leben, das selbst dem Tod standhält. Das Leben, das aus Gott kommt und deshalb Bestand hat. Für alle Zeit.

Pfarrer Dr. Jörg Bauer

Seelsorger am Katharinenhospital